PEFC und Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als Prozess verstehen

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist niemals statisch, sondern ein Ausdruck neuer Erkenntnisse und sich wandelnder Interessen. Die Aufgabe von PEFC ist es, als Moderator von Interessenkonflikten dabei zu helfen, den jeweils bestmöglichen gemeinsamen Nenner für eine nachhaltige Forstwirtschaft zu finden.

Der „literarische Beginn“ der Nachhaltigkeit in der modernen Forstwirtschaft jährt sich zum 300. Mal: Hans Carl von Carlowitz stellte 1713 auf der Leipziger Messe seine „Sylvicultura oeconomica“ vor, das erste rein forstliche Fachbuch in deutscher Sprache.

Obwohl die Erkenntnis „kein Ernten ohne Säen“ sich bis in biblische Zeiten zurückverfolgen lässt und erste Ansätze einer nachhaltigen Nutzung regionaler Wälder spätestens seit dem Hochmittelalter angestrebt wurden, kommt dem sächsischen Oberbergmeister und später Johann Heinrich Cotta (1763 – 1844), Georg Ludwig Hartig (1764 – 1837) und Wilhelm Pfeil (1783 – 1859) ohne Zweifel eine herausragende Bedeutung zu.

Aber: wenn auch der Aspekt der Nachhaltigkeit seitdem kraftvoll zu einem der zentralen Leitlinien der Forstwirtschaft avancierte, so unterlag die Definition des Begriffes selbst im Laufe der Zeiten durchaus grundsätzlichen Bedeutungsschwankungen. Daran erinnert Dirk Teegelbekkers, Geschäftsführer von PEFC Deutschland: „Im 19. Jahrhundert etwa dominierte der ‚calculating forester‘, der den ‚Normalwald‘ proklamierte und ihn mit mathematischen Verfahren und unter dem Primat des Bodenreinertrages nachhaltig gestalten wollte. Das Ergebnis waren Monokulturen, die heute keiner mehr als nachhaltig bezeichnen würde. Konträr dazu, definieren heute viele Waldfürsprecher die Nachhaltigkeit vor allem über ökologische Aspekte. Es wäre spannend zu wissen, was die Menschen im 23. Jahrhundert über unsere heutige Sichtweise sagen werden.“

Partizipation und Konflikt

Die ökologische Dimension der Nachhaltigkeit mag im Mainstream der Medien dominieren, aber in der forstlichen Debatte spielen zwei andere eine genauso wichtige Rolle: die soziale und die ökonomische Nachhaltigkeit. Multifunktional sind die Ansprüche an den Wald; das führt in einer pluralistischen Demokratie dazu, dass auf seinem Rücken die Interessen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, von der Holzwirtschaft über die Waldbesitzer und Gewerkschaften bis hin zu den Naturschützern, öffentlich oder zumindest halböffentlich ausgetragen werden. Welche unterschiedliche Akzentuierungen Nachhaltigkeit heute hat, zeichnet unter anderem die mühevoll vom BMELV zusammengetragene Waldstrategie 2020 nach: „Die Wälder stellen die erforderlichen Rohstoffe bereit, bieten vielfältige Lebensräume für Flora und Fauna, erfüllen ihre Schutzfunktionen und laden zur Erholung ein.“

„Der Forstmann … darf nie vergessen, dass es keine Regel gibt, die überall richtig ist, und dass Ausnahmen eintreten können, wo gerade das, was man im Allgemeinen als Fehler ansieht, sich vollständig rechtfertigt.“
Wilhelm Pfeil (ab 1821 Direktor der Preußischen Forstakademie, heute einer der „Forstlichen Klassiker“)

PEFC ist als erfolgreichste Zertifizierungsorganisation in Deutschland ein wichtiger Moderator der konkurrierenden Ansprüche geworden. Teegelbekkers erklärt: „Unser partizipativer Ansatz, der allen Gruppen im Rahmen des Zertifizierungsprozesses ein Forum bietet, ist das optimale Instrument, um einen Konsens über forstliche Nachhaltigkeit zu erreichen. Aber nicht nur als Moderatoren leisten wir unseren Beitrag. Da zwei Drittel der deutschen Wälder PEFC-zertifiziert sind, stellen wir auch ein wertvolles Monitoringinstrument zur Verfügung, das den Parteien für ihre Diskussionen genaue Daten über den wahren Stand der Nachhaltigkeit in deutschen Wäldern liefern kann.“

Ist Nachhaltigkeit relativ?

Früher wie heute können sich bestimmte Ansichten über eine nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes innerhalb weniger Jahrzehnte verändern. So hat in unserer Zeit die Anpassung der Wälder an den Klimawandel enorm an Bedeutung gewonnen. Eine ketzerische Frage könnte lauten: Was nützt der Natur und den Menschen das Festhalten an heimischen Baumarten, wenn sie hierzulande nicht länger gedeihen?

Unter den sozialen Indikatoren von forstlicher Nachhaltigkeit gibt es Beispiele, die der Laie vermutlich niemals unter dem Begriff Nachhaltigkeit fassen würde. Beispielsweise beschloss der Deutsche Forst-Zertifizierungsrat (DFZR), das fachliche Entscheidungsgremium von PEFC, die Teilnahme an Motorsägenkursen für private Selbstwerber ab 1. Januar 2013 verpflichtend zu machen. Das Problem dahinter: immer mehr Privatleute wollen ihr Holz im Wald selbst schlagen und beantragen dafür Genehmigungen bei der örtlichen Forstverwaltung. Diese sogenannten Selbstwerber sind eine potenzielle Gefahrenquelle für sich selbst und für andere Waldnutzer, wenn sie nicht wissen, wie man beispielsweise eine Kettensäge sachkundig bedient und durch ihr Tun Spaziergänger oder Jogger gefährden. Damit das Unfallrisiko auf ein Minimum reduziert werden kann, müssen sie nun eine Teilnahmebescheinigung in Form einer Urkunde vorzeigen, aus der die Schulungsinhalte des Kurses hervorgehen und die von einer Person unterschrieben ist, welche die von der Gesetzlichen Unfallversicherung definierten Qualifikationsanforderungen (GUV-I 8624) erfüllt. Teegelbekkers erklärt hierzu: „Wie man einerseits den Menschen den Freiraum gibt, um den Wald ihrer Heimat nutzen zu dürfen, und wie man andererseits durch diese Freigiebigkeit verursachte Waldschäden verhindert, das ist eines der vielen Themen, die wir im Zusammenspiel mit allen am Wald interessierten Akteuren kontinuierlich ausloten, diskutieren und entscheiden müssen.“ Das Resultat auch dieses – wohl niemals endenden – Prozesses: mehr Nachhaltigkeit für unsere Wälder.